... und Orsoy im Bauch
2010-10-19-nrzEs war eine ganz andere Zeit. Eine, in der ein kleiner Ort wie Orsoy noch eine Art geschlossene Gesellschaft war. Die Menschen kannten sich, wussten (fast) alles vom Nachbarn und trafen sich in den Kneipen. Vor allem freitags, wenn der Lohn ausgezahlt wurde.

So wie in Orsoy lebten die Menschen in vielen vergleichbaren Städten, bevor die kommunale Neugliederung Mitte der 70-er Jahre die Landkarte durcheinanderwürfelte und gewachsene Strukturen dabei häufig missachtete. Es war eine andere Zeit, eine, an die sich Heinz van de Linde gerne erinnert und an die sich mit ihm jetzt auch andere erinnern können. In wenigen Wochen erscheint sein zweites Buch: „Niederrhein im Kopp und Orsoy im Bauch."

Ein bisschen ist der 160 Seiten starke Band eine Art Fortsetzung von van de Lindes Büchlein „Die unendlich lange Egerstraße", in dem er seine Kindheit beschreibt. Auch jetzt treffen seine Leser wieder auf Orsoyer Originale, Kneipenwirte, erfahren mehr über die großen und kleinen Begebenheiten im Leben der Orsoyer und mehr über van de Lindes Familie. Zum Beispiel über „Oppa Dinslaken" und „Oppa Binsheim", seine beiden Großväter. Ersterer muss gut zu Fuß gewesen sein, denn er legte regelmäßig den Weg von Dinslaken bis in die Bönninghardt mit seiner Handkarre zurück.

Abtauchen in eine andere Zeit
Seit er 50 ist, sagt der heute 70-jährige van de Linde, spielen die Erinnerungen an Kindheit und Jugend für ihn eine große Rolle. Er begann zu schreiben, Prosa und Gedichte, und zeigte beides einer Kollegin, einer Deutschlehrerin. Die fand die Prosa okay, mit den Gedichten aber konnte sie nichts anfangen. Kein Wunder also, dass der gebürtige Orsoyer van de Linde, der heute in Goch lebt, sich zunächst für die Geschichten mit der Egerstraße entschied.

Jetzt aber hat er sich ein Herz gefasst, und sowohl Geschichten als auch Gedichte in das neue Buch gepackt. Wer van de Linde kennt, weiß, dass er spannend erzählen kann, so richtig mit Herzblut. Und so schafft er es auch dieses Mal wieder, seine Leser mitzunehmen auf eine nostalgische Reise in die Vergangenheit. Abtauchen in eine andere Zeit, die gemütlich wirkt, anheimelnder, langsamer und viel entspannter als unser aller Alltag.

Das Buch ist keine Biografie, das ist ganz wichtig, in manchen Bereichen hat sich der Autor die dichterische Freiheit erlaubt, etwas dazu zu erfinden, auszuschmücken. Entstanden sind die Texte in den Jahren 1990 bis 2010. Die Erinnerungen, sagt van de Linde, spulten sich wie ein Film in seinem Kopf ab. Die einzigen schriftlichen Unterlagen, auf die er zurückgegriffen hat, sind die Erinnerungen seiner Mutter. Sie hatte sich im Alter von 77 Jahren hingesetzt und ihr Leben aufgeschrieben. Aber nicht einfach so, umfangreiche Recherchen unter anderem bei Pfarr- und Standesämtern gehörten dazu.

Der Titel erklärt sich fast von selbst. Niederrhein, sagt van de Linde, sei für ihn mehr Kopfsache. Sein Heimatstädtchen Orsoy sei für ihn immer eine Bauchsache gewesen - mit allen Gefühlen, Gerüchen und anderen Details, die die Erinnerungen so wertvoll machen. Und zum Glück lässt Heinz van de Linde andere daran teilhaben.




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