Orsoy ist kein geschlossenes Buch mehr
Die Erinnerung die jüdiische Familie Friedemann, die ein Geschäft in Orsoy hatte, ist bei Zeit­zeugen präsent. „Beliebt, fest ver­wurzelt, integriert, soziales Enga­gement", lauten im Rückblick die spontanen Äußerungen.

Andre Friedemann, Jahrgang 1947 und Cousin von Ruth, hat sich von Ber­lin auf den Weg gemacht, Tochter Katrin aus der Nähe von Neuruppin und Eva von Dortmund aus. „Mir gibt es ein gutes, ein schönes Ge­fühl", meint Vater Andre, der manchmal die Tränen kaum unter­drücken kann, wie andere auch. „Orsoy ist nun der Ort, an dem ich meine Großeltern finden kann, ein Ort, den ich mit unserer Familien­ Geschichte verknüpfen kann. Jetzt bekommt alles ein Gesicht."
Tochter Eva ist indes noch zu­rückhaltender. „Ich weiß noch nicht, wie ich gleich reagiere", meint sie noch vor der Verlegung. Später weicht die Anonymität. „Für mich ist es jetzt sehr persönlich ge­worden", meint sie.
Nach dem offiziellen Part, der auch musikalisch von Stefan Büscherfeld mit weiteren Blechbläser­kollegen begleitet wurde, traf man sich in der LeseLust-Bücherei. Wel­che Kontakte, Begegnungen und Zufälle möglich sind, hat Petra Gehnen sich im Vorfeld nicht vor­stellen können. Denn alles fing vor einigen Monaten mit einem Anruf bei Ruth Fluss in Haifa an. Die Tele­fonnummer stand in einem Buch von Herta Friedemann. Daraus sollten Passagen ins Deutsche übersetzt und bei einer Veranstal­tung vorgelesen werden. In kleiner Auflage hatte Herta ihre Lebenser­innerungen in erster Linie für die Familie aufgeschrieben. Die Kinder von Ruth, vier Söhne und ihre Fa­milien mit insgesamt zwölf Kin­dern, hatten darum gebeten.
Nach dem Anruf aus Deutsch­land liefen die Drähte heiß, Ruth nahm mit Cousin Andre Kontakt in Berlin auf. Gemeinsam stand der Entschluss schnell fest, Familie Friedemann kommt persönlich zur Stolpersteinverlegung nach Orsoy.
„Wie sind sehr dankbar, dass sich Menschen hier an unsere Familie erinnern. Orsoy ist nun kein ge­schlossenes Buch mehr", meint Ruth Fluss. „Auch unsere Kinder sind sehr begeistert."
An ihren Vater hat sie keine Erin­nerung. Mit ihrer Mutter verließ sie 1939 Deutschland und lebte erst in England. Ihr Vater wurde 1942 nach Auschwitz deportiert. Die Mutter heiratete später wieder. Gemein­sam ging die Familie nach Israel, wo Ruth mit ihren Mann Barry heute lebt. Auch das gehörte gestern dazu: Ein Orsoyer brachte original Kleiderbügel mit dem Namenszug Friedemann, die aus dem Geschäft der Großeltern stammten.

 




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